Sport als Mittel der Ausgrenzung – und der Integration - Der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein


Montag, 5. August 2019

Sport als Mittel der Ausgrenzung – und der Integration

Auch der Sport wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft zum Mittel antisemitischer Verfolgung und Unterdrückung. Das spürten die 17 jüdischen Spitzensportler*innen, Trainer*innen und Funktionäre, deren Biografien die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ stellvertretend für unzählige weitere Schicksale an der Kiellinie zeigt. Die Ausstellungseröffnung im Landeshaus bot eine historische Einordnung – und bot Anlass, über Antisemitismus und Integration im heutigen Sport zu diskutieren.

Das millionenfache Leid von Jüdinnen und Juden unter dem Nationalsozialismus zeigte sich in vielen Bereichen des Lebens. Nicht oft fällt in der historischen Rückschau der erste Blick auf den Sport. Das merkte auch Christian Meyer-Heidemann bei der Eröffnung der Ausstellung an: „Wir wissen zu wenig über dieses dunkle Kapitel der deutschen Sportgeschichte. Das habe ich bei einigen Gesprächen mit Leuten gemerkt, die beim Aufbau der Ausstellung vorbeigeschlendert sind“, so der Landesbeauftragte für politische Bildung. „Umso wichtiger ist es, dass wir die Schicksale der jüdischen Sportlerinnen und Sportler gerade dort zeigen, wo viele Leute heute selbst Sport treiben. Durch die lebensgroßen Bilder geben wir den Opfern ein Gesicht.“

Dass das historische Thema auch Relevanz für heute hat, machte Stadtpräsident Hans-Werner Tovar in seinem Grußwort deutlich: „Auch wenn sich ein Vergleich zu früher verbietet, haben wir doch Verantwortung für das, was heute passiert.“ Göttrik Wewer, Vorstandsvorsitzender der DFB-Kulturstiftung, die die Ausstellung gefördert hat, zeigte sich umso erfreuter, dass die Ausstellung an der Kiellinie gezeigt wird. Die Ausstellung verstecke sich nicht hinter Museumstüren. Vielmehr würden Passanten durch Zufall sinngemäß über die Foto-Stelen „stolpern“. Damit zog er, wie anschließend auch Berno Bahro, bewusst einen Vergleich zum Projekt Stolpersteine.

Berno Bahro, Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sportgeschichte und einer der Ausstellungskuratoren, gewährte Einblicke in die historische Aufarbeitung der Verfolgung jüdischer Sporler*innen unter NS-Herrschaft. Dabei fiel auf: Sportverbände und -vereine grenzten Jüdinnen und Juden bereits 1933 nicht auf staatliche Anweisung, sondern in „vorauseilendem Gehorsam“ aus. Meist wurde von den Verbands- und Vereinsfunktionären beschlossen, eigene „Arierparagraphen“ einzuführen, um jüdische Sportlerinnen und Sportler auszuschließen oder von den eigenen Siegeslisten zu streichen.

 

Heutiger Umgang?

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es noch Jahrzehnte, bis der organisierte Sport mit der Aufarbeitung des eigenen antisemitischen Unrechts begann. Erst in den letzten 20 Jahren setzten sich die Vereine selbst mit der eigenen Rolle im Nationalsozialismus auseinander. Dass dieser Aufarbeitungsprozess noch nicht abgeschlossen sei, machte Berno Bahro zum Schluss seines Vortrags klar und appellierte: „Wenn der eigene Sportverein demnächst ein Jubiläum feiert, könnte man das ja zum Anlass nehmen, auch über die dunklen Seiten der Vergangenheit zu sprechen.“

Dass Antisemitismus im Sport (und im Alltag) auch heute noch verbreitet ist, wurde bei der anschließenden Diskussion deutlich. Das liege auch daran, dass er oft niedrigschwellig geäußert werde, erläuterte Joschua Vogel von der Landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus Schleswig-Holstein. Häufig fänden achtlose Sprüche, „Memes“ und Wortbeleidigungen keine weitere Beachtung. Außerdem komme Antisemitismus häufig ohne einen konkreten Adressaten oder eine konkrete Adressatin aus.

Gerade deswegen engagierten sich Vereine aktiv dafür, Integration auch tatsächlich durchzusetzen, statt sie nur zu fordern, schloss sich Bernd Küpperbusch an. Der Vizepräsident des Landesportverbands Schleswig-Holstein verdeutlichte: „Dass wir uns in unserer Satzung zu parteipolitischer, konfessioneller und rassischer Neutralität bekennen, klingt erstmal gut. Aber das Bekennen allein reicht nicht, wir müssen aktiv für diese Vielfalt eintreten.“

Moderatorin Annette Wiese-Krukowska (Referatsleiterin für Kultur und Kreative Stadt der Landeshauptstadt Kiel) fragte Berno Bahro, welche Rahmenbedingungen er sich von politischen Entscheider*innen wünsche. Der Historiker berichtete von einem eigenen Projekt, bei dem nicht nur gemeinsam Sport getrieben, sondern auch Hausaufgaben erledigt würden. Sein Resümee: „Sport hat eine unglaublich integrative Wirkung. Aber die funktioniert nur, wenn die Ehrenamtlichen von Hauptamtlichen unterstützt werden. Dann können wir auch Dinge kompensieren, die im Elternhaus Jugendlicher vielleicht fehlen.“ Dem schloss sich Küpperbusch an: „Wir leisten eine unschätzbare Integrationsarbeit im ganzen Land, aber wir brauchen auch von Seiten der Landesregierung die verlässliche finanzielle Unterstützung dafür.“

Die insgesamt 17 Biografien jüdischer Sportlerinnen und Sportler sind noch bis zum 28. August 2019 zwischen dem Landeshaus und der Blücherbrücke zu sehen. Die Ausstellung wird vom Landesbeauftragten für politische Bildung und der Landeshauptstadt Kiel in Zusammenarbeit mit dem Zentrum deutsche Sportgeschichte e. V. sowie den Universitäten Potsdam und Hannover gezeigt. Sie wurde gefördert durch die DFB-Kulturstiftung und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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