Die immer neu erfundene Geselligkeit - Der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein
Sebastian Klauke (Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft, rechts im Bild) dankt dem Referenten Reese-Schäfer


Dienstag, 10. September 2019

Die immer neu erfundene Geselligkeit

Ferdinand Tönnies hielt in seinem Hauptwerk fest, dass soziale Beziehungen durch stärkere Modernisierungsprozesse immer zweckrationaler würden. Bei der Eröffnung des X. Tönnies-Symposiums ging es um die Frage, inwiefern die Analyse des Vaters der deutschen Soziologie noch Aktualität besitzt.

Hauke Petersen hob in seinem Grußwort die Bedeutsamkeit hervor, dass die wissenschaftliche Rezeption von Tönnies Wirken erst über einen längeren Zeitraum an Ausmaß gewonnen habe. Erst einige Jahrzehnte nach dem Erscheinen von Tönnies‘ „Gemeinschaft und Gesellschaft“ habe dieses Werk die ihm zustehende Würdigung erfahren.

Gerade vor diesem Hintergrund zeigte sich Dr. Ana Erdozain erfreut über Gäste aus der Schweiz, Spanien, aber auch Ägypten oder den USA. In ihrem Grußwort würdigte die Vizepräsidentin der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft, dass der Mitbegründer der Soziologie in Deutschland auch in der internationalen soziologischen Fachwelt von Bedeutung sei.

Mittelpunkt des diesjährigen Symposiums war das Erscheinen von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als Band II der Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe. Prof. Dr. Walter Reese-Schäfer (Universität Göttingen) stellte in seinem Vortrag die Frage nach der Relevanz dieses Tönnies’schen Begriffspaares für die heutige Zeit.

Unter anderem skizzierte er den Aufstieg des Kommunitarismus als abgewandelte Form des Gemeinschaftlichen wie auch als Gegenpol zum Gesellschaftlichen (i. S. v. zweckgebundenen und mitunter formalisierten Beziehungen). Die erhöhte Aufmerksamkeit, die der Kommunitarismus in der Wissenschaft genoss, sei auch als Gegenentwurf zu exzessivem Individualismus und libertärer Öffnung zu verstehen gewesen, einem Resultat etwa der Politik Reagans in den USA oder Thatchers in Großbritannien.

Insofern identifizierte Walter Reese-Schäfer eine Abwandlung der Tönnies’schen Dichotomie: An die Stelle des Begriffspaares „Gemeinschaft versus Gesellschaft“ trete „Globalismus versus kommunitaristischer ‚Lokalismus‘“.

Gegen Ende seines Vortrags stellte der Referent eine weitere Abwandlung der Dichotomie vor. Gegenüber stünden sich in der heutigen Zeit der Kommunitarismus und der Kosmopolitismus. Unter Verweis auf eine quantitative Studie Wolfgang Merkels unterschied er zwischen Kosmopoliten (als Globalisierungsgewinnern mit höherem Bildungsgrad und international angelegtem Humankapital) und einer spezifischen Form von Kommunitaristen (als Globalisierungsverlierer mit niedrigerem Bildungsgrad und lokal angelegtem Humankapital).

Nichtsdestotrotz mahnte Prof. Reese-Schäfer an, diese Gegenüberstellung differenziert zu betrachten: So hätten doch auch Kosmopoliten oft einen Ort, den sie „zu Hause“ nennen. Gleichzeitig gingen auch Globalisierungsverlierer gerne auf Reisen.

Weitere Neuigkeiten

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Außerdem verwenden wir Vimeo und Youtube zur Darstellung von Videos sowie das Webanalyse-Tool Matomo. Nähere Informationen entnehmen Sie unsererer Datenschutzerklärung.