„…dann ist das Autokratie!“ - Der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein


Donnerstag, 17. Oktober 2019

„…dann ist das Autokratie!“

Der Journalist Deniz Yücel hat am 12. Oktober 2019 im Kieler Landeshaus aus seinem neuen Buch „Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“ gelesen. Über 250 Gäste haben die Lesung und sein Gespräch mit Moderatorin Yasemin Ergin von den vollständig besetzten Plätzen des Plenarsaals und der Besuchertribüne verfolgt.

Die Entwicklungen der letzten Jahre in der Türkei mahnen uns, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit niemals ein gesicherter Zustand sind“, sagte der Landesbeauftragte für politische Bildung, Christian Meyer-Heidemann, in seiner Begrüßungsrede. „Wenn die Verfassung nur noch formal, nur auf dem Papier besteht, aber sich die Herrschenden über die Institutionen hinwegsetzen – wenn nicht mehr die Herrschaft des Rechts, sondern das Recht der Herrschenden gilt – dann ist das Willkürherrschaft und Autokratie. Deniz Yücels Inhaftierung hat uns dies ganz deutlich vor Augen geführt. Umso wichtiger ist es, dass er uns aus erster Hand von seinen Erfahrungen berichtet.“

Zu berichten hatte Deniz Yücel im Verlauf des Abends dann sehr viel. Mehr als ein Jahr war er ohne ein rechtsstaatliches Verfahren in der Türkei inhaftiert. Aber nicht nur über seine Erfahrungen und die Ereignisse rund um seine Haft hat der frühere Türkei-Korrespondent der „Welt“ gesprochen. Yücel verband Beschreibungen über die eigenen Haftbedingungen, über Gewalt und Schikane gegen seine Person immer wieder mit Entwicklungen in der Türkei und den deutsch-türkischen Beziehungen. Neben der Instrumentalisierung seiner Gefangenschaft im Wahlkampf kamen auch die Repressionen nach dem gescheiterten Putschversuch und die Auswirkungen des Verfassungsreferendums zur Sprache.

Seine Zeit in Haft beschrieb Yücel gleich zu Beginn der Veranstaltung als Kampf um Selbstbestimmung. Auch unter den widrigsten Bedingungen wollte er „dafür sorgen, dass sie mich nicht zum Schweigen bringen“. Dies tat er vor allem, indem er trotz Verbots in seiner Zelle schrieb: zu Beginn schrieb roter Soße und Plastikgabel, später mit einem gestohlenen Kugelschreiber auf den weißen Flächen einer bebilderten Ausgabe des Kleinen Prinzen. Die so entstandenen Texte wurden zwischen Schmutzwäsche versteckt oder als Schreiben an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte getarnt aus dem Gefängnis geschmuggelt und veröffentlicht.

Trotz der teils erschütternden Schilderungen hat Deniz Yücel seinen Humor nicht verloren. Die Gäste der Lesung erfuhren auch, wie es sich bei „Tayyip um die Hecke“ wohnt und warum er im Gefängnis überlegt hat, ein Pferd für ein tscherkessisches Mädchen zu stehlen.

Deniz Yücel (li.) mit Moderatorin Yasemin Ergin und Christian Meyer-Heidemann.
Deniz Yücel (li.) mit Moderatorin Yasemin Ergin und Christian Meyer-Heidemann.

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