Das Kino in der NS-Zeit - Der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein


Propaganda

Das Kino in der NS-Zeit

Montag, 10. Oktober 2016 - Sonntag, 23. Oktober 2016
19.00 Uhr
Kino in der Pumpe
Haßstraße 22, 24103 Kiel

Anfang des Jahres veranstaltete das Kino in der Pumpe gemeinsam mit Studierenden des Instituts für Neuere deutsche Literatur und Medien die Kinoreihe »Propaganda – das Kino der NS – Zeit«. Die Filmreihe, die sieben der bekanntesten so genannten Vorbehaltsfilme aus den Jahren zwischen 1933 und 1945 der Öffentlichkeit vorstellte, erfuhr sehr großen Zulauf. Die meisten Vorstellungen waren ausverkauft, ungezählte Gäste mussten wir unverrichteter Dinge nach Hause schicken – nicht ohne zu versprechen, die Reihe zu wiederholen.

Diese Wiederholung steht nun an. Erneut übernimmt die Ministerin für Bildung die Schirmherrschaft, erneut werden wir unterstützt vom Landesbeauftragten für Politische Bildung, und als weiterer Kooperationspartner ist die Heinrich-Böll-Stiftung hinzugetreten. Über diese Trägerschaften und Vernetzungen sind wir sehr dankbar und erfreut, denn hier zeigt sich, dass Kino- und Filmkultur mehr ist als bloße Zerstreuung: Filmreihen wie diese sind ein Ausdruck lebendigen Umgangs und kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Und wo solches erfolgt, lassen sich Konflikte der Gegenwart und Probleme der Zukunft produktiver und umsichtiger betrachten, angehen und lösen als dort, wo die Lehren der Geschichte ausgeblendet werden. Gemeinsam mit unseren Partnern machen wir das Angebot, die filmhistorischen Lektionen zum Anlass für Diskussion, Austausch und Ideenfindung zu nehmen. So sind unsere Veranstaltungen immer Einladungen in zweierlei Hinsicht – zum einen die Einladung, das aus der Geschichte auf uns gekommene Film(»Kunst«)Werk zur Kenntnis zu nehmen, zum anderen die Einladung, gemeinsam mit uns und dem Publikum über das Werk, seine Zeit und die Botschaften, die es heute für uns bereithält, zu diskutieren.

Dr. Eckhard Pabst, Kino in der Pumpe

Hitlerjunge Quex

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Montag, 10. Oktober 2016 – 19.00 Uhr
Hans Steinhoff, D 1933, 95 Minuten
Mi
t Heinrich George, Hermann Speelmanns

Der Berliner Beusselkiez kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Menschen leiden unter Hunger und Arbeitslosigkeit; die Idee von Aufstand und Rebellion liegt in der Luft – und kommunistische und nationalsozialistische Werber kämpfen unermüdlich um neue Mitglieder, um in den Straßenschlachten bestehen zu können. Ganz besonders mühen sich beide Gruppen um Heini, den Sohn des arbeitslosen Fabrikarbeiters Völker. Wie sein Vater soll auch er Mitglied der Internationale werden, aber Heini entscheidet sich anders – und muss bald schon schwerste Angriffe der »Kommune« abzuwehren helfen …

Nur ein gutes halbes Jahr nach der Machtergreifung gelangte dieser Film in die Kinos, der wie wenige andere seiner Zeit nationalsozialistische Symbole und Slogans bis hin zu enthusiastischen Treuegelöbnissen auf Adolf Hitler offen ausstellt. Im Zentrum der Ideologie steht dabei der Opfergeist, den die Hitlerjungen in ihrem ohrwurmhaften HJ-Lied nahezu ununterbrochen beschwören: »Unsere Fahne ist mehr als der Tod!« Nicht zuletzt dieses Liedes wegen bleibt der Film noch lange im Gedächtnis – sicherlich aber auch aufgrund mancher eindrücklicher Sequenzen, die im Hause Völkers spielen und kaum einen Zweifel daran lassen, dass desolate soziale Verhältnisse ein guter Nährboden für Propaganda und Glücksversprechen politischer Verführer sind.

Jud Süß

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Freitag, 14. Oktober 2016 – 19.00 Uhr
Veit Harlan, D 1940, 98 Minuten
Mit Ferdinand Marian, Heinrich George, Kristina Söderbaum

Der Herzog Karl Alexander von Württemberg ist für seinen dekadenten Lebensstil bekannt und gerät dadurch immer häufiger in Konflikt mit den ihm unterstehenden Landständen, die mit dem Ende der Finanzierungen drohen. Er lässt daraufhin nach Frankfurt schicken, um den wohlhabenden Juden »Süß« Oppenheimer um finanzielle Unterstützung zu bitten. Durch sein Verhandlungsgeschick schafft es Oppenheimer, trotz des Judenbanns an den Hof geholt zu werden. Dort wird er zügig vom Herzog zu dessen Finanzberater ernannt. Da sich die Schulden des Herzogs aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils konstant anhäufen, werden Oppenheimer immer weitere Zugeständnisse gemacht, die mit der Erhebung von landesweiten Straßenzöllen beginnen und in der kompletten Aufhebung des Judenbanns gipfeln. Parallel dazu versucht Oppenheimer, Dorothea, der frisch verheirateten Tochter des Landschaftskonsulenten Sturm, den Hof zu machen. Als der Herzog handlungsohnmächtig wird, beginnt die Lage in Württemberg zu eskalieren …

Jud Süss ist der vielleicht bekannteste und berüchtigste Film der NS -Zeit – nicht zu unrecht, denn die Handlung folgt einer perfiden Eskalationsdramaturgie, an deren Ende ein Progrom gegen die jüdische Bevölkerung und ein Todesurteil gegen den Drahtzieher der Intrigen stehen. Die Handlung des Films basiert auf einer wahren Begebenheit, weicht jedoch erheblich von der historischen Realität ab. Mit Jud Süss erreichte die antisemitische Filmpropaganda ihren Höhepunkt, deren Hauptziel des Films war, den Judenhass in der deutschen Bevölkerung zu schüren.

Ich klage an

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Sonntag, 16. Oktober 2016 – 19.00 Uhr
Wolfgang Liebeneiner, D 1941, 120 Minuten
Mi
t Heidemarie Hatheyer, Paul Hartmann, Mathias Wieman

Dr. Thomas Heyt, ein erfolgreicher Mediziner, und seine lebenslustige Frau Hanna führen eine glückliche Ehe. Und eine noch glücklichere Zukunft scheint sich anzukündigen, als Thomas einen Direktorposten in München angeboten bekommt. Doch schon am selben Abend kündigt sich Unheil an – denn Hanna zeigt erste Krankheitssymptome, die bald auf Multiple Sklerose hindeuten. Verzweifelt versucht Thomas, eine Behandlungsmethode zu finden. Als er aber schließlich erkennen muss, dass auch er keine Heilung herbeiführen kann, beginnt er, über an- dere Formen der Erlösung nach zu denken …

Wolfgang Liebeneiner (1905 bis 1987) machte nach seinem Wechsel vom Theater zum Film 1937 rasch Karriere, die ihn in hohe Ämter und Posten im Kultur- und Produktionsbetrieb führte, und drehte auch nach dem Krieg munter weiter Filme. Da er verfolgten und bedrängten Künstlerkollegen während der NS -Zeit beistehen konnte, erlangte er schon 1945 wieder die Arbeitserlaubnis. Sein nationalsozialistisches Meisterstück Ich klage an war da offenbar schon vergessen. Der Film, für den er im Übrigen auch das Drehbuch verfasste, bemühte sich, Akzeptanz für das Programm zur »Vernichtung lebensunwerten Lebens« zu erzeugen. Dieses Gedankengut der Nationalsozialisten basiert auf der berüchtigten Schrift von K. Binding und A. Hoche (1920), die die Freigabe der Vernichtung all der Menschen vorsah, deren Leben für die Betroffenen selbst wie auch für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat. Im »Dritten Reich« wurde aus dieser Theorie schreckliche Praxis, als 1939 die Kinder- und Erwachseneneuthanasie eingeführt wurde, der mehr als 5 000 Kinder und 70 000 Erwachsene aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen.

Ohm Krüger

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Mittwoch, 19. Oktober 2016 – 19.00 Uhr
Hans Steinhoff, D 1941, 133 Minuten
Mi
t Emil Jannings, Ferdinand Marian, Gustaf Gründgens

Aufgeregte Reporter und Fotografen aus aller Welt stürmen die Rezeption eines Hotels – sie alle wollen den heldenhaften deutschen Urvater Paul »Ohm« Krüger treffen. Doch der ehemalige südafrikanische Präsident ist mittlerweile vom Alter gezeichnet und schwer erkrankt, so dass er nicht ihnen die bewegende Geschichte seines Lebens erzählt, sondern seiner Krankenschwester. Es ist die Geschichte einer brutalen Unterdrückung – und die Geschichte des heldenhaften Widerstandes. Von den Engländern zum Krieg gezwungen, erleiden Krüger und sein friedfertiges Burenvolk zwar viele Schicksalsschläge, lassen sich im Kampf ums Überleben aber nicht entmutigen…

Antibritische Propaganda im Gewand eines Historienspektakels. Goebbels ließ den Film, der an sich schon zu den teuersten Produktionen in der Geschichte des NS-Films zählt, von aufwändigen Werbemaßnahmen begleiten, die das Publikum vor allem davon überzeugen sollten, dass der Film auf Tatsachen beruhe. Und so versteigt sich die Geschichte zu einer wüsten Kriegserzählung, in der die Engländer den rechtschaffenen Buren ihre Länderei abtrotzen wollen, um Bodenschätze zu erlangen. In ihrer abgrundtiefen Unanständigkeit gehen die Briten schließlich so weit, Konzentrationslager zu errichten, in denen sie wehrlose Frauen und Kinder zugrunde richten. – Ein besonders infames Lügengebilde des NS-Kinos, grandios besetzt u. a. mit Emil Jannings, Ferdinand Marian und Gustaf Gründgens.

Kolberg

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Sonntag, 23. Oktober 2016 – 19.00 Uhr
Veit Harlan, D 1945, 111 Minuten
Mi
t Heinrich George, Kristina Söderbaum, Paul Wegener, Gustav Diessl, Horst Caspar und Otto Wernicke

Tanzende Bürger, der Gesang von Volksliedern, Frauen an Webstühlen und die volle Blüte der Erntezeit – zu Beginn des Films, der im Jahr 1806 spielt, zeigt sich die Stadt Kolberg in ihrer vollkommenden Idylle. Doch das Glück der Bürger wird bedroht von den Feldzügen Napoleons. Die Schlachten um Jena und Auerstedt sind bereits verloren, Kronprinz Louis Ferdinand gefallen, König Friedrich Wilhelm III. nach Königsberg geflohen und Napoleons Truppen sind bereits bis Berlin vorgerückt – die Kapitulation Kolbergs vor den französischen Truppen scheint für die Vorsitzenden der Stadt unvermeidlich zu sein. Doch dieses Vorgehen entspricht nicht den Vorstellungen des Bürgerrepräsentanten Joachim Nettelbeck und er kündigt Widerstand gegen die Kapitulation an. Durch seinen Patriotismus gelingt es ihm, die Bevölkerung zu mobilisieren. Zur selben Zeit entwickelt sich eine Romanze zwischen der Bauerstochter Maria und dem Rittmeister Schill, die von der aussichtslosen Lage im Kampf um die Stadt Kolberg überschattet wird. Es beginnt eine kräftezehrende und aufopferungsvolle Schlacht gegen die Truppen Napoleons.

Kolberg ist der letzte vollendete und gleichzeitig teuerste Propagandafilm des »Dritten Reiches« sowie einer der wenigen Farbfilme, die im nationalsozialistischen Deutschland produziert wurden. Im Auftrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sollte im Juni 1943 unter der Leitung des Starregisseurs Veit Harlan der »größte Film aller Zeiten« entstehen. Ziel war es, den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung zu stärken und die letzten Kräfte für den Krieg zu mobilisieren. Im märkischen Sand ließ Goebbels eine barocke Kulissenstadt errichten, um sie dann von Zehntausenden Komparsen zusammenschießen zu lassen – am Ende liegt das filmische Kolberg in Schutt und Trümmern und gleicht damit den deutschen Städten jener Tage aufs fürchterlichste. Am 30. Januar 1945, als die Niederlage Deutschlands beim besten Willen nicht mehr zu übersehen war, fand aufgrund der enormen Kriegsschäden die offizielle Premiere von Kolberg in einem kleinen Kino Berlins statt. Obwohl Kolberg das höchste Prädikat »Film der Nation« erhielt, konnte der Film die Bevölkerung nicht mehr erreichen.

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